Der Tag, an dem ich dich verlor – Vom Schmerz des Loslassens

Wahrscheinlich werde ich den Tag nie vergessen. Den Tag, an dem ich dich verloren habe. Den Tag, an dem du gestorben bist. Ich blickte in die Augen von meinem Mann und wusste, dass er keine gute Nachricht für mich hatte. Ich sah ihm an und wusste, dass er sprachlos war und nicht wusste, wie er es mir sagen sollte. Wie er mir sagen sollte, dass du nun gestorben warst. Ich kann meine Gefühle, die ich in diesem Augenblick hatte, nicht beschreiben. Ich weiss nur, dass ich anfing zu lachen. „Nein, das kann doch nicht sein“. In Filmen hatte ich schon öfters gesehen, dass Menschen so unter Schock standen, dass sie bei einer schlimmen Nachricht anfingen zu lachen. Aber das mir so etwas passiert, das ich mal so unter Schock stehe, hätte ich nicht gedacht.

Ich weiss es noch, als wäre es gestern gewesen. Als du zu einer Routine-Untersuchung musstest, weil du damals schon einmal Krebs hattest. Die Ärzte sagten dir früher im Krankenhaus, dass sie alles entfernt hatten. Es war ja auch nur ein kleiner Tumor. Ein Jahr später, als du zur Routine-Untersuchung musstest, solltest du dann für 3 Tage im Krankenhaus bleiben. Wir kamen dich natürlich fast täglich besuchen.

An dem einen Tag habe ich dir direkt angemerkt, dass etwas mit dir nicht stimmt. Du schautest in meine Augen und ich sah deine Tränen. Oma setzte sich auf dein Krankenbett und fragte dich, was mit dir los sei. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht was mit dir ist, aber ich wusste das etwas ist. Etwas, dass meinem starken Opa, der immer ein Kämpfer war, den Boden unter den Füßen weg gerissen hatte. Und das allein machte mir schon Angst. Ich kannte dich so nicht. Ich kannte dich nicht schwach. Du warst doch immer stark.

„Krebs, es ist Krebs, ich habe überall Krebs“. Als ich das gehört hatte blieb mein Herz stehen. Du fingst an zu weinen und Oma auch. Ich wusste nicht wie ich reagieren sollte. So gerne wollte ich dich in den Arm nehmen aber ich war wie erstarrt. Ich wollte weinen, aber ich konnte nicht. Ich stand einfach nur da und blickte aus dem Fenster. Glauben konnte und wollte ich das einfach nicht. Gestern war doch noch alles in Ordnung…und jetzt…

Die Zeit ging so schnell vorbei und du wurdest von Tag zu Tag kranker. Du hattest oft auch gute Tage, in denen du dann aufgestanden bist und die Fenster geputzt hast. Ich konnte dich sogar noch ein paar mal mit deinem Rollstuhl durch die Stadt schieben. Diese guten Tage, zwischen deinen schlechten Tagen voller Schmerzen und Leid, waren für uns alle und für dich immer ein Hoffnungsschimmer. Du hast immer gekämpft. Du sagtest immer du willst noch so lange wie es geht bei uns bleiben um zu sehen, wie wir heranwachsen. Du wolltest so gerne noch meine Hochzeit miterleben und das hast du auch getan. Ich habe dir angesehen wie stolz du warst. Du hast mir ja auch immer gesagt, dass ich mir den richtigen Mann ausgesucht habe und das du mich bei ihm in Sicherheit weisst. Das hat dich immer sehr beruhigt. Ach Opa, ich hab dich so sehr geliebt, das glaubst du garnicht. Es tat mir sehr weh, dass es dir so schlecht ging.

Als es mit der Krankheit immer schlimmer wurde habe ich dich manchmal nicht besucht und das tut mir jetzt leid. Ich habe dich nicht besucht, weil es mir das Herz zerrissen hat, dich in deinem Wohnzimmer in einem Krankenbett liegen zu sehen. An die Sauerstoffflasche angeschlossen. Du warst immer so stark. Wir waren immer so ein starkes Team. Du hast mir doch fast alles beigebracht, was ich kann. Das Einmaleins hast du mir beigebracht und meine ersten Hausaufgaben mit mir gemacht. Eigentlich hast du fast immer mit mir Hausaufgaben gemacht. Du wusstest, dass ich keinen Vater habe. Das er sich nicht um mich gekümmert hat. Und du wolltest ihn ersetzten. Ich muss sagen, dass ist dir mehr als gelungen. Die Rolle als Vater hast du mehr als 100 prozentig übernommen.

Du warst sogar mehr als mein Vater. Du warst mein Vater, mein Opa, mein Erzieher, mein Psychologe, mein Sozialarbeiter, mein Kummerkasten, mein Ratschlaggeber, mein Zurechtweiser, meine Bank, mein Lehrer, meine beste Freundin, mein Halt und mein Schutz. Und wie ich als Kind immer gerne gesagt habe, warst du der beste Allgemeinwissenschaftler den ich kenne. Denn du warst für mich mein Held und der schlaueste Mann den ich kannte. Du hast mir immer so viel erklärt als ich klein war. Über die Tiere und über die Natur. Du hast mir jede Frage, die ich dir gestellt hatte, beantwortet so gut du konntest. Und du hast mir jede Frage beantwortet und mir nie das Gefühl gegeben, dass ich dich nerve. Hast immer nur gelacht und mir alles in aller Ruhe erklärt. So lange, bis ich es verstanden hatte.

Du warst einfach immer da, wenn ich dich gebraucht habe. Und jetzt bist du fort. Ich hätte dir gerne noch so viel gesagt, aber ich hoffe, dass ich dir wenigstens oft genug gesagt habe, wie sehr ich dich liebe. Wie dankbar ich dir bin, dass du mich erzogen hast, obwohl ich nicht dein Kind bin. Du bist nun aus meinem Leben verschwunden – nicht aber aus meinem Herzen. Denn der Platz, den du in meinem Herzen hast, wird immer deiner sein.

An dem Tag, an dem du gestorben bist, hat es mir das Herz zerrissen. Denn ich wusste, was deine Ruhestätte ist. Du warst ein Christ und kein Muslim. Das hat mir immer weh getan. Aber du wolltest deine Religion einfach nicht wechseln und zwingen konnte ich dich nicht, so sehr ich es auch gewollt hätte. Es lag nicht in meiner Hand, dass du ein Muslim wirst. Es sollte wohl einfach nicht so sein und du wolltest es nicht. Du hast dich zwar immer für die Religion interessiert und hast auch mit Verschleierung zu mir gestanden, doch selber Muslim werden, das wolltest du nicht.

Die erste Zeit nach deinem Tod war es wahnsinnig schwer für mich. Schwer dich los zu lassen. Oma am Telefon weinen zu hören, zerreisst mir heute noch fast das Herz. Heute, fast ein halbes Jahr nach deinem Tod. Es ist alles nicht einfach, aber meine Religion gibt mir Kraft. Meine Religion gibt mir Antworten. Antworten auf meine Fragen. Warum ich keine Bittgebete für dich sprechen kann. Wieso ich dich nicht zwingen konnte ein Muslim zu werden. Wieso wir unterschiedlich sind, obwohl wir uns doch so ähnlich waren. Wieso ich akzeptieren muss, dass du als Ungläubiger gestorben bist. Nur die Religion kann und konnte mir zu der Zeit helfen. Am Anfang war es für mich aber sehr schwer mich an die Religion zu halten. Meine Gebet zu verrichten und den Koran aufzuschlagen.

Immer wenn ich das Wort „Ungläubige“ gelesen habe, hat mir mein Herz weh getan. Ich wusste immer, dass Allah (swt) der Gerechte ist und das Er (swt) niemals ungerecht ist – Audhu Billah – und ich wusste auch immer, dass mein Opa sich selbst dafür entschloss ungläubig zu sein. Aber schwer war am Anfang trotzdem alles. Ich kann nur allen, die in so einer Situation raten, an dem Islam festzuhalten so stark sie können. Denn in so einer Situation ist man traurig und labil. Und der Teufel hat leichtes Spiel. Deswegen halte die Religion so gut du kannst. Vertraue auf Allah (swt). Er (swt) wird dir helfen. Das verspreche ich dir, denn Allah (swt) lässt uns niemals im Stich. Du musst ihn nur bitten, dass Er (swt) dir hilft.

Dieser Brief ist so geschrieben, als ob ich ihn direkt an meinen Opa schreibe. Nicht weil ich denke, dass er ihn hören kann – audhu billah. Sondern um euch den Brief näher zu bringen. Um ihn mir näher zu bringen. Ich wollte ihn einfach so gut es geht formulieren, damit ich rüber bringen kann, was ich denke. Das ich rüber bringen kann, was tief in meinem Inneren ist. Ich hoffe, dass vielleicht manche Konvertierte, die genau in der gleichen Situation sind, Mut bekommen und wissen, dass sie immer auf Allah (swt) vertrauen müssen und niemals an der Religion zweifeln dürfen, egal was auch passiert.

Halte dich nur immer an die Religion und vertraue auf Allah (swt). Dann wird es dir wohlergehen und du wirst deinen Schmerz überwinden oder zumindest erst einmal lernen, besser damit zurecht zu kommen. Das Leben besteht aus leben und sterben. Der Tod gehört einfach zum Leben dazu. Wir können so froh sein das Allah (swt) uns rechtgeleitet hat. Wir können nicht alle aus unserer Familie dazu bringen den Islam anzunehmen. Wir sollten uns nie durch den Teufel in Versuchung bringen lassen an unserer Religion zu zweifeln, sie als ungerecht zu sehen, audhu Billah. Es klingt krass, aber der Teufel versucht das in diesen schweren Situationen gerne. Er versucht uns, von unserem Weg abzubringen.

Lasse nie den Unterschied zwischen Glaube und Unglaube außer Acht. Auch wenn es Unglaube in deiner Familie gibt. Auch wenn ein Ungläubiger aus deiner Familie stirbt. Hänge dich nicht zu sehr an den Gedanken was mit ihm jetzt passiert oder ob du es hättest verhindern können. Sei vielmehr dankbar für die Zeit, die du mit dem Menschen hattest. Für die schönen Jahre, die ihr hattet. Keiner verbietet dir einen Menschen zu lieben nur weil er ungläubig ist. Mach dich nicht selber fertig. Behalte immer die Realität und deine Religion im Auge. Das ist das wichtigste auf der Welt, egal wie schwer und hart das gerade ist, glaub mir, nur das kann dir helfen.

Als Kind, als ich noch keine Muslima war, habe ich mir immer vorgestellt, dass ich und meine Familie, wenn wir mal Tod sind, alle im „Himmel“ sitzen und zusammen Tee trinken. Alle zusammen. Aber was hätte das Leben für einen Sinn, wenn diese Wunschvorstellung der meisten Ungläubigen Realität wäre? Das Leben hätte keinen Sinn.

Wofür sollten wir uns denn dann anstrengen? Was hätten die Menschen noch für einen Grund den anderen nicht umzubringen, wenn sie doch eh alle in den Himmel kommen? Das macht keinen Sinn, oder?

Jetzt hoffe ich darauf, dass ich eine gute Muslima werde inshaAllah und meine Familie auch gute Muslime werden und das wir dann zusammen im Paradies sein können, inshaAllah.

8 thoughts to “Der Tag, an dem ich dich verlor – Vom Schmerz des Loslassens”

  1. inshaAllah bin ich ein akzeptabeles Kind 🙂 ich liebe dich auch mama, von ganzem Herzen … alhamdulillah.. <3

  2. mashaalah oughty, das auch du dich für diese religion endschieden hast!als ich deinen eintrag las,dachte ich anfangs es sei ein eintrag von mir!ich musste weinen, weil ich fast das selbe durchlebte!ich wünsche mir auch sooooo sehr das meine familie zum islam konvertieren!mein bruder hat sich vor 9 jahren im alter von 21 jahren das leben genommen, er war auch christ! ich hoffe so sehr das allah s. w. t meine gebete erhört ihnen vergiebt und ich meinem verstorbenen opa, oma und bruder noch etwas gutes tun kann!mach so weiter oughty sei weiterhin standhft in deinem glauben!deine schwester nadine und allah s.w.t wird dich inshaallah reichlich belohnen!salamuailaikum und einen lg

  3. salamu3aleikum wr wb liebe schwester anna,
    ich finde deinen brief sehr schön und auch sehr traurig! dein opa war eine sehr wichtige person in deinem leben, dass ist meiner meinung sehr wichtig jeder mensch braucht solch einen wichtigen menschen in seinem leben! habe die eltern meines vater nie kennengelernt, sie sind gestorben als selbst mein vater ein kleines kind noch war!

    inschaallah werden dir die schönen erinnerungen an deinen opa loch lange erhalten bleiben!

  4. Asalamu aleikum, danke fürs Kommentieren, aber dein Standpunkt stimmt leider nicht Schwester, Christen kommen nicht ins Paradies weil sie Shirk machen. Lies bitte mal meinen neuen Artikel durch inshaallah

  5. Salam, liebe Anna!

    Ein sehr rührender Text. Es tut gut sich von der Seele zu schreiben. Es hilft nicht nur dir, auch anderen (wenn sie es lesen), inshAllah.

    Ich weiß nicht wie dein Opa war, aber nach deinen Beschreibungen war er meiner Meinung nach ein herzensguter Mensch, der dich so genommen hat wie du (geworden) bist und du solltest das auch tun – akzeptieren, dass er nicht (öffentlich) den Islam annahm. Wir wissen nicht was in das Innerste der Menschen ist, deswegen sollten wir nicht so voreilig über Unglaube sprechen. Wir sollten vorsichtig sein, jemanden als ungläubig „abzustempeln“. Meine Freundin ist Christin und sie glaubt an Gott und ist ein herzensguter Mensch. Ich könnte sie niemals als Ungläubig bezeichnen, wenn sie fest davon überzeugt ist, dass es Ihn gibt. Das steht mir nicht zu, das wäre irgendwie unfair.

    Gott kennt uns besser, als wir uns selbst und wir können davon überzeugt sein, dass niemandem etwas Ungerechtes angetan wird am Tage des Gerichts. Deswegen brauchen wir uns keine Sorgen machen. Wir brauchen auch gar nicht darüber nachzudenken, denn es ist nicht unsere Sache. Damit meine ich, dass es nicht in unserer Macht liegt darüber ein Urteil zu geben, wenn wir uns selbst nicht mal kennen. Jeder wird das bekommen, was ihm zusteht. Und dass Gott die Gerechtigkeit überhaupt ist, beruhigt mich und tröstet mich.

    Ich wünschte, ich hätte so viel Zeit mit meinem Opa verbringen können.
    Möge Gott dich und deine Familie zu den edelsten Menschen machen – Amin!

  6. Salamalaikum Ukhti, ich habe deine Geschichte gelesen ! Es tut mir leid das du sieses Erlebniss hattest ! aber anders herum, hattest du große Liebe in deinem Herzen zu deinem Opa, und diese Liebe hat sich mit deinem Glauben vereint und dich stark gemacht ! Elhamdullah ! Muslime zu sein ist das beste was einem passieren kann,.. aber ich glaube auch das bei unserem Gnädigem Allah auch die Christen die gutes getan haben ins Paradies kommen inschallah ! Du hattest einen super Opa Hamdullah ! Ich wünsche dir von ganzem Herzen das du und dein Opa euch im Paradies wieder trefft inschallah ! Es gibt niemanden der Gnädiger und voller Liebe ist als Allah ! Elhamdullah ! Weiterhin liebe Ukhti wünsche ich dir viel Glück, für dich und deine ganze Familie inschallah ! Viele liebe Grüße: Chadischa ! Masalam

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