Meine verbotene Liebe – Teil 3

Mein Kopf war leer. Ich wusste gar nichts mehr. Um mich herum schien alles so unwirklich zu sein. Erst durch ein lautes Knallen war ich wieder bei mir. Ich hatte den Telefonhörer fallen gelassen. Unfähig ihn aufzuheben, ließ ich mich auf den Boden sinken. Nun saß ich da, zusammen gekauert auf dem Boden. Nicht wissend, was los war und nicht wissend, was real und unreal war. Hatte meine Mutter gerade wirklich angerufen und mir gesagt, dass mein Vater tot sei? Das kann doch aber nicht sein. Er kann einfach nicht tot sein. Das war bestimmt nur ein Traum. Wach auf, Ahmed. Wach auf. Aber ich wachte nicht auf, denn es war kein Traum. Es war die harte Realität.

Als ich wieder ein wenig zu mir gekommen war, ging ich zum Wasserhahn und hielt meinen Kopf darunter. Ich weiss nicht wie lange ich ihn drunter hielt, aber ich hang noch unter ihm als Julia vom Einkaufen zurück kam. Sie sah mich, ließ ihre Taschen fallen und eilte zu mir. Sie zog mich vom Wasserhahn zurück und sagte mit einer aufgeregten Stimme:
„Ahmed, was ist los? Dein Kopf ist ganz rot und kalt. Wie lange hast du denn deinen Kopf schon unter dem Hahn? Was ist denn überhaupt mit dir? Wieso antwortest du mir nicht?“

Ich war unfähig ihr zu antworten. Kein Ton kam mir über die Lippen. Es war so, als seien meine Lippen zusammen gewachsen. Ich wollte etwas sagen, am liebsten hätte ich meinen Schmerz heraus geschrien, aber ich konnte nicht. Ich war wie gelähmt. Mein Körper war schwer und er kribbelte wahnsinnig. Und mein Mund ging einfach nicht auf. Weinen. Ich wollte weinen, aber es kamen einfach keine Tränen. Ich hab mich gefühlt als sei ich in meinem eigenen Körper eingesperrt. Gefangen von meiner endlosen Trauer.

Julia nahm mich an die Hand und führte mich aufs Sofa. Sie befahl mir, mich hinzulegen und komischerweise tat ich das auch direkt. Sie holte mir aus der Küche ein Glas Wasser und gab es mir Schluck für Schluck. An mehr kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich denke, ich bin dann irgendwann eingeschlafen. Als ich aufwachte war ich nass geschwitzt, meine Lippen klebten zusammen und ich war einfach nur kaputt. Mein Körper war so schwer und meine Augen fielen trotz mühsamen Versuchen sie aufzuhalten, immer wieder zu. Sie klebten richtig zusammen. Draußen war es dunkel. Ich weiss nicht, wie lange ich geschlafen hatte, aber es schien mir lange gewesen zu sein. Denn als meine Mutter anrief, war es morgens…

Meine Mutter hatte doch angerufen… Ich dachte wieder an Ihren Anruf und mir viel auch direkt wieder ein, welche Nachricht sie für mich hatte. Auf einmal verspürte ich wieder diesen Schmerz und dieses Taubheitsgefühl im ganzen Körper. Alles wirkte wieder so unreal. Ich lag nur auf dem Sofa und starrte die Decke an. Mein Blick bewegte sich nicht einen Millimeter. Die Tränen liefen über mein Gesicht. Es hörte gar nicht auf. Meine Augen brannten und ich schmeckte das Salz an meinen Lippen. In dem Moment hörte ich ein Knallen.

Julia kam ins Wohnzimmer. Sie schaute mich entsetzt an und sagte: „Deine Mutter hat nochmal angerufen. Sie sagte mir, dass sie heute morgen schonmal angerufen hatte. Als ich sie fragte, ob sie wüsste weshalb du so komisch bist, hat sie es mir erzählt. Ahmed, es tut mir leid. Wirklich, es tut mir so leid.“

Es war also wahr. Mein Vater war gestorben. Und ich hatte nicht mehr mit ihm sprechen können. Ich hatte nicht seine Hand halten können, nicht mehr sein Gesicht sehen können. Ich hatte mich nicht mehr bei ihm entschuldigen können. Jetzt ist es zu spät. Jetzt ist alles zu spät. Meine Gefühle schwankten plötzlich von endloser Trauer über innere Leere bis hin zu unberechenbarer Wut. Meine Gefühle spielten verrückt. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich wusste gar nichts.

Julia setzte sich neben mich aufs Sofa und streichelte meinen Kopf. Ich zuckte zurück und stieß sie mit einer Hand leicht weg. Ich wusste nicht genau wieso, aber ich wollte sie in dieser Situation nicht bei mir haben. Ich wollte nicht, dass sie mich tröstet. Innerlich habe ich ihr schon ein bisschen die Schuld dafür gegeben, dass ich meinen Vater nicht mehr sehen konnte. Ich meine, eigentlich war ich selber Schuld, habe ich mich doch selbst dafür entschieden, bei Julia zu bleiben. Ich war ja zu stur um auf meinen Vater zuzugehen.

Zeit. Ich dachte immer ich habe noch Zeit um das alles zu klären. Im Prinzip hatte ich mich also selber dagegen entschieden zu meinem Vater zu gehen und konnte Julia keinen großen Vorwurf machen. Aber im Inneren tat ich es trotzdem. Für einen kurzen Moment spürte ich sogar ein wenig Verachtung für sie. Wieso hatte sie mich davon ferngehalten ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern zu haben? Wieso hatte sie immer gegen sie gehetzt? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass ich sie jetzt nicht bei mir haben will.

Die ganze Nacht verbrachte ich auf dem Sofa. Kein Auge habe ich zugetan. Habe nur darüber nachgedacht, was ich alles falsch gemacht habe und was ich hätte anders machen müssen. Die ganze Nacht war ich besetzt von dieser endlosen Trauer.

Am nächsten Morgen rief meine Mutter an um mir zu sagen, dass mein Vater in der Mittagszeit beerdigt werden sollte. Wirklich viel gesagt habe ich nicht, aber ich wollte nicht hin gehen und das merkte meine Mutter. Sie merkte es und es machte sie noch trauriger. Sie sagte mir, dass sie mich brauche und das sie nicht ohne mich gehen will. Sie hatte doch jetzt auch niemanden mehr an ihrer Seite wo Papa doch von uns gegangen ist. Sie sagte mir dies und weinte bitterlich. Ich weinte mit ihr.

Ein paar Stunden später machte ich mich dann doch auf und fuhr zu meiner Mutter. Ehrlich gesagt weiss ich gar nicht mehr, wie ich dort angekommen bin und im Nachhinein weiss ich, das ich an diesem Tag nicht Auto fahren hätte sollen. Die ganze Fahrt über hatte ich geweint und mein Inneres hatte sich dagegen gesträubt zu der Beerdigung zu gehen. Die ganze Zeit hatte ich Gedanken wie: „Ach, jetzt gehst du zu der Beerdigung deines Vaters. Die ganze Zeit warst du nicht in der Lage ihn zu besuchen und nach ihm zu schauen, aber jetzt wo er Tot ist, da gehst du hin. Du elendiger Heuchler.“

Ich wusste, ich gehe nur zu der Beerdigung meines Vaters, weil meine Mutter mich so sehr darum gebeten hatte. Eigentlich wollte ich nicht, denn der Tod meines Vaters zerriss mein Herz. Aber ich konnte meine Mutter nicht alleine lassen. Ich konnte sie nicht auch noch im Stich lassen. Jetzt musste ich mich um sie kümmern. Ich hatte meine Eltern vernachlässigt, hatte sie alleine gelassen. Alles hatte ich falsch gemacht. Jetzt war es an der Zeit um einmal etwas richtig zu machen. Deswegen ging ich mit meiner Mutter dort hin. Obwohl ich mich so elendig fühlte, obwohl ich mich selbst hasste und mich fühlte wie der letzte Dreck. Das war das erste mal in meinem ganzen Leben, dass ich meinem Vater Recht gab: Ich war der Verlorene.

Ich stand glaube ich eine ganze Weile auf dem Parkplatz und schaute das Haus an, in dem meine Eltern wohnten. Stand da und schaute einfach nur. Ich konnte mir nicht vorstellen gleich in die Wohnung zu gehen, in der meine Mutter nun alleine lebte. Was wird das für ein Gefühl sein? Ich hatte Angst zusammenzubrechen. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und die Tränen schossen mir in die Augen als ich es endlich schaffte zur Eingangstür zu laufen. Ich öffnete die Tür und atmete noch einmal tief ein, bevor ich die 20 Stufen zu der Wohnung meiner Eltern hoch ging. Mein Herz schlug so schnell, dass ich nun dachte, meine Brust würde platzen. Ich versuchte mir die Tränen aus dem Gesicht zu wischen um meine Mutter nicht noch trauriger zu machen.

Die Wohnungstür war schon offen. Meine Mutter muss mein Auto bereits unten auf dem Parkplatz gesehen haben. Ich ging vorsichtig in den Flur. Die Mütze meines Vaters hing noch an der Garderobe. Ich nahm sie in die Hand und weinte bitterlich. Ich glaube, noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich so weinen müssen. Nun hatte ich die Mütze in der Hand. Seine Mütze. Die ich damals immer so albern fand. Ich musste als Kind immer lachen, wenn er sie mir aus Spaß aufsetzte. Ich sah die Bilder vor meinem inneren Auge. Ich sah, wie wir beide damals vor dem Spiegel standen, kurz bevor wir raus gingen, um zu spielen. Er setzte mir seine Mütze auf und sagte: „Guck, jetzt bist du auch ein Mann, aber noch kein alter Mann wie dein Papa, he.“ Die Mütze war damals viel zu groß für meinen Kopf und deshalb musste mein Vater immer so wahnsinnig lachen, wenn er mir sie aufsetzte.

Als die Bilder in meinen Kopf kamen, weinte ich noch mehr. Ich drückte die Mütze vor mein Gesicht und stieß einen kurzen Schrei aus bevor ich wieder in Tränen ausbrach. Ich weinte einfach nur, konnte mich nicht mehr halten. Ich vernahm den Geruch meines Vaters, ich spürte ihn noch. Ich spürte noch die Erinnerungen, ich sah, wie er durch den Flur gelaufen ist. Wie er mit seinen viel zu großen Pantoffeln über den Boden schlürfte. Ich sah ihn vor meinem inneren Auge. Sah, wie er als kleiner Junge zu mir sagte: „Ahmed, was machst du denn da? Mach doch nicht immer so einen Unsinn. Du bringst den Papa immer so arg zum lachen, dass er sich bald in die Hosen macht.“ Ich sah ihn, spürte die Liebe zu ihm. Die Liebe, die ich ihm viel zu selten gezeigt hab. Die Liebe, die ich ihm jetzt nicht mehr zeigen konnte.

Meine Mutter trat aus der Küche in den Flur und nahm mich in den Arm. Ich weinte und sie tröstete mich, streichelte meinen Kopf und sagte die ganze Zeit: „Ist schon gut, alles wird gut. Beruhige dich mein Sohn.“ Meine Mutter, die gerade so viel Leid und Trauer erfahren hatte, stand dort im Flur und tröstete mich.

Als ich mich etwas beruhigt hatte, schaffte ich es erstmal meine Mutter anzuschauen. Die ganzen Tränen hatten meinen Blick so trüb gemacht, dass ich erst nur ihre Umrisse wahrnahm. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und schaute sie an. Diesen Anblick werde ich wahrscheinlich nie vergessen. Ich hatte sie schon 6 Monate nicht mehr gesehen. Meine Mutter stand da, abgemagert und zerbrechlich. Mit Falten und Augenringen gezeichnet. So hatte ich sie noch nie gesehen. Als ich sie das letzte mal sah war sie eine gesunde, etwas dickere Frau. Und nun? Sie tat mir so wahnsinnig leid. Die letzten Monate müssen sehr hart für sie gewesen sein. Und ich? Ich hatte einfach mein Leben weiter gelebt und versucht nicht mehr daran zu denken. Ich kann euch gar nicht sagen wie ich mich in dem Moment selbst gehasst habe.

Meine Mutter und ich machten uns auf zur Beerdigung. Ich kann euch nicht mehr viel von der Beerdigung erzählen, denn ich weiss nicht mehr viel davon. Nur weiss ich, dass ich die ganze Zeit meine Mutter im Arm hatte und geweint habe. Ich habe nur geweint. Und nicht nur meine Augen haben geweint. Mein Herz hat geweint. Das war einfach schrecklich für mich, an dem Grab meines Vaters zu stehen. Es hat mich zerrissen. Dieser Tag… das war der erste Tag, an dem ich wirklich über Gott nachgedacht habe. Denn ich habe mir gewünscht, dass mein Vater ein gutes Leben nach dem Tod hat. Ich hab aufeinmal darüber nachgedacht, ob ich ihn jemals wiedersehe. An Gott geglaubt habe ich schon immer. Nur habe ich mich, außer in meiner Kindheit, nie damit beschäftigt. Leider.

Meine Mutter wollte, dass ich nach der Beerdigung noch mit zu ihr nach Hause komme und ein bisschen bei ihr bleibe. Diesen Wunsch konnte ich ihr nicht abschlagen, zumal ich mir selbst gewünscht habe noch ein wenig Zeit mit ihr zu verbringen. Ich wollte nicht nach Hause. Ich wollte nicht zu Julia. Der Gedanke daran, bei ihr zu sein, löste in mir Unbehagen aus. Es ist vielleicht nicht richtig, aber ich machte sie immer noch ein Stück weit mit dafür verantwortlich, dass ich keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern hatte.

Ich fuhr mit zu meiner Mutter. Wir setzten uns auf die Couch und sahen uns gemeinsam alte Fotoalben an. Mal lachten wir und mal weinten wir. Auf der einen Seite war es schön, die Erinnerungen wieder aufkommen zu lassen, auf der anderen Seite tat es ganz schön weh. Aber irgendwie hatten wir es gebraucht. Wir wollten über meinen Vater reden und uns an die schöne gemeinsame Zeit zurück erinnern. Ich dachte das erste mal an diesem Tag wirklich nur an die schöne Zeit zurück und nicht an die Zeit, in der ich meinen Vater nur noch enttäuschte und ihm Kummer machte.

Meine Mutter und ich saßen bis spät in die Nacht im Wohnzimmer und unterhielten uns. Bis mein Handy klingelte. Ich schaute nach, wer mich so spät noch anrief. Meine Mutter guckte auch schon sehr interessiert. Nachdem ich das Handy wieder weglegte, fragte mich meine Mutter:
„Wer ist es? Wieso nimmst du nicht ab?“

„Es ist Julia, ich will nicht reden. Nicht jetzt.“

Es hörte einfach nicht auf zu klingeln. Meine Mutter sagte mir ich solle lieber ran gehen, sie sei ganz schön hartnäckig, vielleicht sei etwas Wichtiges.

Ich gab dem Drängen meiner Mutter nach und ging ans Telefon. Es war nicht Julia, es war ihre Mutter. Sie rief von Julias Handy an. Sie waren auf dem Weg ins Krankenhaus. Julia hatte Wehen bekommen, was dramatisch war, denn sie war erst im 7. Monat.

Wieder einmal spürte ich diese Leere. Ich wusste nicht genau was ich machte, ich hörte mich nur sagen: „Ich komme sofort.“ Ich gab meiner Mutter einen Kuss auf die Wange und sagte ihr, dass ich ins Krankenhaus zu Julia müsse. Dann verschwand ich schnell wie der Wind. Ich fühlte mich wie ein Roboter, dessen Ziel es war, ins Krankenhaus zu gelangen. Ich war schon wieder unfähig meine Gedanken zu sortieren. Es war einfach alles zu viel für mich.

Im Krankenhaus angekommen, rannte ich durch die Stationen auf der Suche nach der Gynäkologie. Eine Krankenschwester schien meine verzweifelte Suche mitzubekommen und fragte mich, ob sie mir helfen könne. Nachdem ich ihr erzählte, wo ich hin will und zu wem ich muss, telefonierte sie ein wenig. Anschließend brachte sie mich in den 5. Stock auf die gynäkologische Intensivstation. Dort traf ich dann auch im Wartebereich direkt auf die Eltern von Julia, die mir auch ohne ein „Hallo“ sofort sagten, was los sei.

Julia hatte zuhause starke Schmerzen bekommen und daraufhin haben Ihre Eltern sie abgeholt und sind mit ihr ins Krankenhaus gefahren. Ich durfte mir noch anhören, dass ich ja etwas Besseres zu tun gehabt hätte und meine Freundin alleine zuhause gelassen habe bis spät in die Nacht. Das ich bei der Beerdigung meines Vaters war interessiert ja niemanden. Ich hörte mir einfach die Standpauke an ohne etwas zu sagen oder mich zu rechtfertigen. Auf meine Frage, was denn nun genau los sei, erzählten sie mir, dass das Baby schwache Herztöne hat und die Ärzte gerade eine Frühgeburt einleiten.

Diese Information traf mich wie ein Stich ins Herz. Ich wollte zu ihr aber die Ärzte ließen mich nicht. Drei Stunden verbrachte ich mit Julias Eltern im Warteraum. Drei volle Stunden der Angst. Drei Stunden zittern. Als der Arzt kam hatte er leider keine guten Nachrichten für mich. Er sagte mir, dass man das Baby geholt hat und es jetzt im Brutkasten läge. Das es schwache Herztöne habe und man nicht wisse, ob es überlebt. Er sagte mir, dass es aber eigentlich ganz gut aussehen würde und ich mir nicht allzu viele Sorgen machen soll. Er könne mir aber nicht garantieren, dass es gut geht. Julia ist aber wach und ansprechbar. Ich solle zu ihr gehen.

Was!? Wie bitte? Er kann mir nicht sagen, ob mein Baby überlebt, aber sagt mir, ich solle mir nicht allzu große Sorgen machen? Was ist denn das für ein Arzt?

Mit aller Kraft hatte ich meine Wut unterdrückt und dem Arzt nur ein kurzes Nicken entgegnet. Er konnte ja auch nichts für meine Situation. Ich ging zu Julia ins Zimmer und setzte mich an ihr Bett. Sie weinte. Ich nahm ihre Hand, sie aber stieß sie weg. Ich wollte mit ihr reden, wollte sie trösten, wollte für sie da sein. Aber sie wollte nicht. Das kam mir irgendwie bekannt vor, ich wollte ja auch nicht, dass sie mich tröstet als es mir so schlecht ging. Aber war das nicht eine völlig andere Situation?

Julia warf mir vor, dass ich sie so lange alleine gelassen hatte. Sie sagte mir, dass ich an allem Schuld wäre. Ich und meine Eltern. Ohne uns hätte sie diesen Stress nicht gehabt. Sie war ausser sich und so traurig, dass sie schon wütend war. Wütend auf mich, obwohl ich ja gar nichts Schlimmes getan habe. Aber an irgendeinem musste sie es ja mal wieder raus lassen. So kannte ich Julia die letzten Monate nur noch. Ich weiss nicht ob es an der Schwangerschaft lag oder an ihrem Naturell. Nur wusste ich, dass ich manchmal nicht mehr wusste wieso ich eigentlich mit ihr zusammen war. Manchmal wusste ich nicht mehr, weshalb ich sie liebte.

Ich verließ das Zimmer von Julia und wollte mich gerade auf dem Weg machen um nochmal mit dem Arzt zu sprechen, als eine Schwester mich abfing und mich fragte, ob ich zu meinem Baby wollte. Ich nickte und sie brachte mich auf die Frühchenstation.

Sie brachte mich zu dem kleinen Kasten in dem mein Baby lag. An zig Maschinen angeschlossen lag da mein kleines, hilfloses Baby. Ich musste weinen. Vor Glück und vor Trauer. Vor Glück, denn ich hatte noch nie etwas lieblicheres gesehen als dieses kleine Geschöpf und ich war so wahnsinnig froh, dass sie jetzt bei mir war. Es war ein Mädchen geworden. Und vor Trauer, denn ich wollte nicht, dass der Anfang auf der Welt für sie so schwer ist. Ich wollte, dass sie ein unbeschwertes Leben hat und nun begann ihr Leben schon mit einigen Erschwernissen. Ich hoffte so sehr, dass sie keine Schmerzen hatte. Sie tat mir so unendlich leid. Sie hatte so kleine Hände und so kleine Füßchen. Ich blieb noch eine ganze Weile bei ihr sitzen und erwischte mich, wie ich ihr ein Lied aus meiner Kindheit vor sang. Ich war einfach nicht mehr richtig bei mir. Wie schon gesagt, es war alles zu viel für mich.

Nachdem ich ein paar Stunden an dem Bett meiner kleinen Tochter saß, beschloß ich zu meiner Mutter zurück zu fahren. Julia wollte mich immer noch nicht sehen und ich hatte auch ehrlich gesagt nicht die Kraft mich gegen ihren Wunsch zu wehren. Ich fuhr also zu meiner Mutter. Es war mittlerweile 6 Uhr morgens. Ich war völlig übermüdet und mein Körper machte langsam aber sicher schlapp. Ich machte mir so wahnsinnige Sorgen um mein Baby und die Trauer über den Tod meines Vaters saß mir auch immer noch in den Knochen.

Meine Mutter machte mir einen Tee und ich weinte mich bitterlich bei ihr aus. Ich sagte ihr, wie verzweifelt ich bin und das ich nicht mehr weiss, was ich machen soll. Alles kommt auf einmal. Erst der Tod von Papa und jetzt das mit meinem Baby. Ich war einfach am Ende. Meine Mutter lief zum CD-Player und ließ leise etwas abspielen. Erst erkannte ich es nicht, doch dann hörte ich, dass es der Quran war. Ich merkte in dem Moment nur noch, wie mein Herz sich beruhigte. In mir schlich sich eine ungewohnte Ruhe ein. Das erste mal an diesem Tag fühlte ich mich sicher und geborgen und meine Trauer schien für einen Moment in den Hintergrund zu rücken. Ich machte die Augen zu und genoss diese innere Ruhe. Meine Mutter nahm meine Hand und sagte mir:

„Ahmed, du musst immer auf Allah vertrauen. Er ist der Einzige der dir helfen kann. Allah erhört uns und hilft uns, aber wir müssen Ihn bitten.“

Ich dachte an diesem Morgen lange über ihre Worte nach. Um Acht Uhr sagte sie zu mir, dass sie beten geht und fragte mich, ob ich mit ihr beten möchte. Erst wollte ich nicht, aber dann verspürte ich doch das Verlangen mit ihr zu beten. Ich wusste nicht wieso ich plötzlich doch das Bedürfnis hatte. Heute weiss ich, es war Allah (swt)s Gnade mir gegenüber.

Meine Mutter sagte mir, ich solle mich waschen. Ich ging ins Badezimmer und überlegte was ich jetzt machen sollte. Als Kind hatte ich doch schon mal mit meinem Vater gebetet. Wie ging denn die Gebetswaschung nochmal? Ich wusste es nicht mehr, traute mich aber nicht wirklich, meine Mutter zu fragen. Es war mir schon peinlich, dass ein Türke – ein Muslim – in meinem Alter das nicht wusste. Ich überlegte und hoffte, dass es mir wieder einfallen würde. Immer wieder versuchte ich mich daran zu erinnern wie mein Vater es mir damals beigebracht hatte. Aber es fiel mir einfach nicht richtig ein. So ging ich dann nach ein paar Minuten des Überlegens doch wieder ins Wohnzimmer und fragte meine Mutter. Mir blieb ja nichts anderes übrig.

Sie tat mein Unwissen mit einem verständnisvollem Lächeln ab und ging mit mir ins Badezimmer. Sie wusch sich vor mir und zeigte mir so Schritt für Schritt, wie ich mich waschen sollte. Und so machte ich das erste mal seit 9 Jahren wieder die Gebetswaschung. Es war ungewohnt, aber ich habe mich gut gefühlt. Die ganze Zeit dachte ich, dass ich mich doof anstelle, aber meine Mutter nickte mir immer bestätigend zu. Und so vollendete ich dann meine Gebetswaschung und ich muss sagen, mich sehr wohl gefühlt zu haben. Das hört sich jetzt vielleicht irgendwie komisch an, aber ich habe mich richtig sauber gefühlt. Als hätte ich mich von oben bis unten geschrubbt.

Meine Mutter und ich machten uns bereit um zu beten. Sie betete und ich sprach leise mit. Ich wusste ja gar nicht mehr richtig wie man betet. Die Al-Fatiha kannte ich noch. Mein Vater hatte sie damals wirklich oft mit mir gelesen. Gott sei dank, sonst hätte ich sie wahrscheinlich auch schon vergessen.

Das Gebet mit meiner Mutter war einfach unbeschreiblich. Erst habe ich mich etwas unwohl gefühlt, weil alles so neu für mich war, aber dann gab mir das Gebet irgendwie ein Gefühl von Sicherheit.

Als wir fertig waren nahm meine Mutter mich in den Arm. Zum ersten mal seit Jahren sah ich in ihren Augen Stolz. Ja, sie blickte mich mit Stolz an. Das berührte mich sehr. Sie klopfte mir auf die Schulter und wir setzten uns hin. Sie gab mir den Quran in die Hand und sagte:

„Lies die Sure 94. Lies sie.“

Ich wusste erst nicht so ganz wieso sie wollte, dass ich ausgerechnet diese Sure lese, aber als ich sie dann las, wusste ich wieso.

Vers 6: (Noch einmal:) Wenn man es (einmal) schwer hat, stellt sich gleich auch Erleichterung ein.

„Siehst du Ahmed, Allah (swt) sagt das im Quran. Wenn man es schwer hat, stellt sich auch die Erleichterung wieder ein. Allah (swt) wird dir helfen. Du musst nur auf Ihn vertrauen und dich an die Religion halten.“

Ich erwiderte:
„Mama, aber wie soll ich mich an die Religion halten? Du kennst mich doch und weisst, wie ich bin. Ich war doch bis jetzt nur auf Partys und so, wie soll ich mich denn so schnell ändern? Ich weiss einfach nicht, wie ich das machen soll. Ich denke, das funktioniert nicht.“

Sie antwortete mit einer beruhigenden Stimme und einem sanften Lächeln:
„Ahmed, vertraue nur auf Allah (swt). Dann kannst du alles schaffen.“

Ich muss sagen, obwohl ich vorher nicht viel über meine Religion wusste und es mich auch eigentlich nicht interessierte, so interessierte sie mich ab diesem Morgen um so mehr. Es gab mir einfach ein Gefühl der Sicherheit. Ich hatte das Gefühl, mit allem besser klar kommen zu können. Das ich alles schaffen kann. Ich hatte auf einmal das Gefühl, dass Gott mir hilt.

Es war unbeschreiblich. Ich war sehr glücklich, obwohl ich so traurig war wegen meinem Vater und dem Baby. Aber ich war auch glücklich, weil ich auf einmal Vertrauen und Hoffnung hatte. Ich hatte Gottvertrauen.

Ab diesem Tag beschäftigte ich mich regelmäßig mit dem Islam. Mit meinem Glauben. Ich fing langsam aber sicher an wieder in die Moschee zu gehen, was mir am Anfang sehr schwer viel. Aber ich schaffte es. Langsam aber sicher hatte ich einen Bezug zu meinem Glauben. Die Zeit, die das Baby und Julia im Krankenhaus verbrachten, ging schnell vorbei. Ich bittete Allah darum mein Baby gesund zu machen. Jeden Tag bittete ich darum. Und es ist so gekommen. Allah hat mein Baby gesund gemacht und Julia erholte sich auch sehr rasch. Alles war perfekt.

Nur eine Sache schien nicht zu stimmen. Zwischen Julia und mir war etwas ganz und gar nicht in Ordnung. Sie wollte nicht, dass ich betete und es passte ihr auch nicht wenn ich in die Moschee ging. Sie sagte, sie hatte mich anders kennengelernt und wolle den alten Ahmed zurück. Sie vermisste es mit mir auf Partys zu gehen und fand es unangebracht, dass ich nicht wollte, dass sie feiern geht. Ich wollte sie nur schützen, wollte unsere Familie schützen. Sie aber dachte, ich sei drauf und dran ein religiöser Irrer zu werden.

Sie wollte kein Leben ohne Party und wollte nicht auf den Alkohol verzichten. Das ich aber keinen Alkohol mehr in unserer Wohnung sehen wollte, akzeptierte sie nicht. Oft habe ich versucht mit ihr zu reden und ihr etwas von der Religion zu erzählen. Sie aber wollte es nie hören. Sie gab mir nicht mal die Chance ihr den Islam näher zu bringen. Ich kann euch nicht sagen wie oft ich zu diesem Zeitpunkt versucht habe sie ein wenig für den Islam zu begeistern. Ich habe mit ihr Vorträge angeguckt die mein Herz berührten, sie aber schüttelte meist nur den Kopf. Und so lebten wir uns schnell auseinander. Sie wollte mich aber ohne meine Religion. Was zu einem schwerwiegenden Problem für uns wurde, denn sie stellte mir ein Ultimatum: Sie und das Baby oder meine Religion…

4 thoughts to “Meine verbotene Liebe – Teil 3”

  1. Salam liebe Schwester, die Geschichte ist sehr schön nur find ich fehlt da, das Ahmed Julia aufklären sollte warum er nicht da war und sie und ihre Eltern sollten sich für ihr verhalten schämen, es kommt so rüber als würde Ahmed mit dem Tod seines Vaters allein zurecht kommen müssen da stellt sich mir die Frage, was das für eine seltsame Beziehung sein muss.. Find‘ s aber schön die Geschichte 🙂

  2. je mehr ich lese umso neugieriger werde ich, mann kann es nachvoll ziehen,
    wie ein junger muslim zwischen den welten steht.freue mich auf denn nexten teil

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